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Ansprache zum Volkstrauertag 2018

Gedankenspiele

Man muss nicht lange in der Bibel suchen, um Texte zu finden, die sich mit Thema ‚Frieden‘ befassen. Allein das Wort ‚Frieden‘ kommt in der Bibel über 250 mal vor. Frieden, das ist ein hohes Gut, ein erstrebenswertes Ziel. Frieden ist aber immer auch gefährdet, von außen wie auch von innen.

Die Bibel berichtet, dass man sich des Friedens nie wirklich sicher sein kann, weder als Volk, noch als einzelne Person. Frieden will erdacht, verkündet, gewahrt und verteidigt werden – ein immerwährender Prozess des Suchens und Findens, aber auch des Verlierens. Gerät das Streben nach dem inneren und äußeren Frieden aus dem Blickwinkel, ist die Zukunft aller in Gefahr.

Am deutlichsten wird dies in einem Wort des Propheten Jeremia, gerichtet an die Israeliten im babylonischen Exil (597-539 v. Chr.):
»Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.« (Jeremia 29,11)

Die Worte Jeremias fielen in eine Zeit großer Unsicherheit: Die Heimat überfallen und verloren, die Menschen verstreut oder verschleppt, die Zukunft in einer fremden Umgebung ungewiss – wer mochte da noch an Frieden denken. Gott denkt an Frieden, damit ihr Zukunft und Hoffnung haben könnt, so die Botschaft Jeremias.

Ein Zeitsprung!

Welche Gedanken treiben uns um im Jahr 2018? Wie sehen wir unsere Lebenssituation heute? An was denken wir, wenn wir die Worte Frieden, Leid, Zukunft und Hoffnung hören?

Ein erster Eindruck: Vieles von dem, was noch in jüngster Vergangenheit uns Sicherheit gegeben hat, Zukunft und Hoffnung, ist mittlerweile gefährdet. Das vereinte Europa, nicht zuletzt als Garant für den Frieden aus der bitteren Erfahrung vergangener Weltkriege ins Leben gerufen, bröckelt an allen Ecken und Enden. Bewährte Bündnisse werden in Frage gestellt und nun auch bestehende Abrüstungsverträge. Das nationale, nur auf den eigenen Vorteil bedachte Denken einiger Staaten, so scheint es, verdrängt zusehends jene Gedanken, die wir mit Frieden und Aussöhnung verbinden.

Doch auch im Inneren, in unserem Land, ist der soziale Friede in Gefahr. Man ist wieder schnell bereit, Sündenböcke zu benennen, wenn es darum geht, Kritik zu üben oder eigene Un-Befindlichkeiten auszudrücken. Schuld an allem sind die Migranten, die Kanzlerin, die Lügenpresse, die Rechten, die Linken, die Volksparteien – also eigentlich alle, nur man selbst eben nicht. Auf der Strecke bleibt der Dialog, das Suchen nach Verständigung.

Am Ende eine traurige Erkenntnis: Es ist nicht leicht, in dieser Zeit, in dieser Welt, in unserem Land, Gedanken des Friedens zu finden. Aber was wird dann aus unserer Zukunft? Worauf können wir dann noch vertrauen, oder hoffen?

Es ist gut zu sehen, dass in diesen Zeiten Menschen wieder auf die Straße gehen – oder auch zur Wahl. Ich meine dabei nicht jene, die von Ausgrenzung und Hass reden, sondern jene, die als Gegendemonstranten deutlich machen, dass sie nicht bereit sind, die Straße und die öffentliche Meinung den Populisten zu überlassen.

Jene also, die Demokratie und Menschenrechte gewahrt wissen wollen, jene, für die Frieden ein hoher Wert und das Leid der Vielen nicht hinnehmbar ist. Meinem Gefühl nach werden es immer mehr, die sich aktiv um unsere Zukunft bemühen, und ihre ganze Hoffnung auf eine Veränderung zum Guten setzen.

Ihnen und uns allen sei noch einmal das Wort des Propheten zugesagt:

„Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ (Jeremia 29,11)

Markus Paul Gärtner, Pfarrer (18.11.2018)
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